Skip to content

Lesestapel 3 – 5. Zwischenbericht

8. Januar 2012

Brauchen wir andere Menschen?

Der Einsamkeitsforscher Robert Weiss fand, dass einsame Menschen darunter leiden, dass keiner oder nur wenige Menschen sich für einen interessieren. Am meisten leiden sie darunter, dass niemand mit ihnen mitfühlt.  Weiss stellte noch etwas anderes fest: Denn frustrierender als der Mangel an Mitgefühl, das andere einem geben, ist der Mangel an Mitgefühl, das man selbst anderen geben kann. Nicht geliebt zu werden ist schlimm, niemand zu haben, den man lieben kann, ist noch schlimmer. Weiss erklärte damit, warum vielen vereinsamten alten Menschen eine Katze oder einen Hund haben, stellvertretend für den nicht vorhandenen Liebespartner.

Warum helfen wir anderen?

Gutsein und Helfen sind Verhaltensweisen, die dem Einzelnen und der Gruppe große Vorteile bringen. Je mehr man sich untereinander hilft, umso besser ist es für die ganze Gemeinschaft. Die Art der sozialen Hilfe kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Warum soll ich gut sein?

Die Fähigkeit des Menschen zum Gutsein imponierte Kant so sehr, dass er dem Menschen eine ganz besondere Auszeichnung, die Menschenwürde verlieh.
Er überlegte, dass weder die Begabung oder der Charakter noch günstige Lebensumstände eines Menschen das Gutsein sicherte, sondern allein der Wille. Das einzig Gute am Menschen ist sein guter Wille. Die Aufforderung zum grundsätzlichen Gutsein nannte Kant den kategorischen (grundsätzlichen) Imperativ (Aufforderung): „Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte“.
Ein Mensch, der auf moralische Gesetze in sich selbst hört, ist ein guter Mensch, der gute Handlungen vollbringt, selbst dann, wenn seine gute Absicht möglicherweise zu schlechten Folgen führt.

Kann ich wollen, was ich will?

Arthur Schopenhauer fand  etwas, was bei Kant, Hegel und vielen anderen Philosophen keine Berücksichtigung fand. Fast alle gingen sie davon aus, dass der Verstand oder die Vernunft dem Menschen sagt, was er zu tun hat. Doch Schopenhauer misstraute dem zutiefst. Und er stellte eine der spektakulärsten Fragen der Philosophie: „Kann ich wollen, was ich will?“ Was war mit dem kategorischen Imperativ, dem moralischen Gesetz meines Verstandes?

Benjamin Libet entdeckte vor ca. 50 Jahren bei  Patienten, deren Gehirn bei einer Operation halb frei gelegt waren, dass von der Reizung des Cortex mit einer Elektrode bis zum Zucken der Patienten mehr als eine halbe Sekunde verstrich. Auch andere Kollegen hatten eine Zeitverzögerung festgestellt. Der Weg von der Absicht eine Handbewegung auszuführen, bis zur tatsächlichen Handlung dauerte fast eine Sekunde. Bei einem weiteren Versuch, dem Libet Experiment, stellt er fest, dass die Patientin sich entschied zu handeln bevor sie um diese Entscheidung wusste!
Der vorbewusste Reflex, etwas zu wollen oder zu tun, ist schneller als die bewusste Handlung.

Gibt es Moral im Gehirn?

Die Hirnforscher Hanna und Antonio Damasio fanden heraus, dass ein bestimmtes Hirnareal, die ventromediale Region ein sehr entscheidender Bereich des Gehirns ist. Hier werden Gefühle verarbeitet, aber auch Pläne geschmiedet und Entscheidungen getroffen. Gefühle, abstraktes Denken und Bereiche, die für zwischenmenschliche Beziehungen , sind immer gleichzeitig am Werk. Gefühle und Vernunft durchkreuzen sich ständig.
Es gibt moralische Gefühle, zum Beispiel Mitleid mit Bedürftigen. Das Gefühl kommt in mir hoch, es kommt ohne Absicht. Moralische Einsichten sind etwas anderes. Ich will jemand Geld geben und überlege, ob es richtig ist.

Lohnt es sich gut zu sein?

Lohnt es sich mitzufühlen? Die Wurzeln altruistischen Verhaltens reichen so tief, dass Menschen nicht nur anderen helfen, sondern die darüber hinaus noch als lohnend empfinden.
Was macht glücklich am Glücklichmachen?  Das Lust- und Frustzentrum im Gehirn heißt Amygdala. Freundliche Gesichter führen zu starken Reaktionen in der linken Amygdala. Sie erzeugen gute Laune und Lust. Finstere oder drohende Gesichter reizen besonders die rechte Amygdala, sie erzeugen Furcht und Unlust. Altruistische Verfahren beruhen also weitgehend auf Selbstbelohnung. Es lohnt sich für mich gut zu sein, und es lohnt sich für die Gemeinschaft , wenn es für den Einzeln lohnt.

Ist Moral angeboren?

Wer moralisch denkt, teilt die Welt in zwei Bereiche: in das, was er achtet und das, was er ächtet. Wie beim Erlernen der Sprache sind auch unsere moralischen Empfindungen nicht im vollen Umfang angeboren. Jeder Mensch wird mit einem Sinn für Gut und Böse geboren, mit einem Moralinstinkt.

Darf man Menschen töten?

Leid und Freud ganz simpel wie bei einer Rechenaufgabe zu addieren, um danach Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen, geht nicht an. Ansonsten bricht nämlich jede Zivilgesellschaft über kurz oder lang zusammen. Wenn man so ein Handeln als gerecht empfinden würde, dann müsste es prinzipiell in Ordnung sein. Und wenn es prinzipiell in Ordnung ist, dann gälte es auch für jedermann.

Ist Abtreiben moralisch?

Das Selbstbestimmungsrecht der Frau wiegt schwerer als die unfreiwillig eingegangene Verpflichtung gegenüber einem anderen Leben. Dieses Argument mündete in dem Slogan „Mein Bauch gehört mir“ und erscheint aus der Sicht der Philosophie recht fragwürdig. Ein verhungernder Mensch vor der Haustür, der mit letzter Kraft um Essen bettelt, kann man nicht abwimmeln mit der Begründung: „Wir sind in keiner Weise verpflichtet …“.
Doch wie seht es mit Embryo und Fötus aus? Zur Beantwortung der Frage stehen uns drei Wege zur Verfügung – Menschenwürde, Utilitarismus, Moralsinn.
Für Kant war bereits der Fötus ein mit aller Menschenwürde ausgestattetes Wesen. Die Freiheit des Embryos beruhte auf der Freiheit der Eltern im Zeugungsakt. Im 18. Jahrhundert, einer Zeit in der Dienstmägde ihrem Dienstherrn in aller Form dienen mussten, waren Abtreibung und Kindesmord an der Tagesordnung. Kant setzt die Abtreibung und den Kindesmord anderen Kavaliersdelikten, wie Mord im Duell, gleich und plädierte für mildere Umstände.
Der Utilitarist stellt sich zwei Fragen: Wie glücks- und leidensfähig ist ein Embryo oder ein Fötus? Und, das Glück und das Leiden des Kindes im Mutterleib oder das Glück und das Leiden der Mutter?
Der Embryo ist zwar ein menschliches Wesen, aber er ist kein Mensch im vollen moralischen Sinne, also keine Person. Für Utilitaristen, die hoch entwickelte Präferenzen (Wünsche und Absichten) berücksichtigen, darf niemand eine Person töten. Embryonen dagegen haben keine komplexen Absichten. Das größte Manko des Utilitarismus ist seine Folgenabschätzung. Eine selbstbewusste freie Person wird ein Kleinkind erst irgendwann zwischen zwei und drei Jahren.
Der dritte Pfad ist, es gäbe in jedem Menschen so etwas wie Moralsinn, also eine intuitive Moral. Wenn unsere Moral immer auch etwas mit unseren Gefühlen zu tun hat, dann können wir diese nicht einfach wegkürzen. Wenn man keine widersinnigen Verhaltensregeln aufstellen will, kommt man der Intuition nicht vorbei. Das gilt auch für jede noch so nüchterne und vernünftige Moralphilosophie. Keine kommt ohne Werte aus. Und Werte sind ihrer Natur nach nicht von der Vernunft erdacht, sondern gefühlt. Sich auf einen intuitiven Moralsinn zu berufen, wird heute von vielen Philosophen vor allem deshalb abgelehnt, weil dieser Verweis sehr religiös anmutet. Das religiöse Dogma der Frühbeseelung widerspricht aber aller Intuition.
Die Intuition legt nahe, dass eine Abtreibung umso problematischer wird, je später sie erfolgt. Allgemein läßt sich sagen, dass nach drei Monaten eine Grenze erreicht ist, bis zu der der Begriff „Vegetieren“, also ein Leben ohne Bewusstsein, sinnvoll verwendet werden kann.

Soll man Sterbehilfe erlauben?

Die Argumente Pro sind: Grundrecht auf Sterbehilfe, aktive Sterbehilfe hat viele Befürworter, aktive Sterbehilfe ist transparent.
Die Argumente Contra sind: Vertrauensverhältnis Patient/Arzt wird geschädigt, Ehrenkodex von Ärzten, Patientenwille nicht immer zweifelsfrei kontrollierbar, egoistische Motive der Angehörigen, Dammbruch um Kosten zu sparen, Statt Freiheit zum Tod Unfreiheit zum Leben.
Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen hat also überall da Grenzen, wo es unerträgliche und inhumane Folgen für die Gesellschaft zeitigt.

Hinweis:  Die Zwischenberichte bestehen fast ausnahmslos aus Originalsätzen aus dem Buch: Lesen, unterstreichen,  weiterlesen, zurückblättern, aussuchen, schreiben, bloggen.

Fortsetzung folgt

Advertisements

From → Buch

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: