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Im Wartezimmer

27. April 2012

Mein Junior hatte einen Termin beim Hausarzt. Ich habe mich ins Wartezimmer dazu gesetzt. Zwei Patienten saßen im Raum und lasen in den Zeitschriften.

Ein Mann, mittleren Alters, war der Vater eines Schulfreundes meines Juniors. Er blickte kurz auf, sagte „High“ und vertiefte sich wieder in sein Magazin. Auf dem übernächsten Stuhl thronte eine ältere Dame, groß gewachsen, kerzengerade auf ihrem Stuhl. In der Hand etwas zum Lesen. Die ganze Zeit erkannte ich keine Regung in ihrer Körperhaltung. Sie las auch nicht. Sie fixierte einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand. Sonst machte sie nichts. Auch erwiderte sie keinen Gruß der später eintretenden Patienten.
Als Nächstes betrat ein älteres Ehepaar den Wartesaal. Beide so um die 80. Er besorgte sogleich zwei Zeitschriften, die sie beide, jeder für sich, eifrig studierten. Schnell war er mit dem Blättern durch und tauschte das Lesematerial aus. Ziemlich rasch entdeckte er irgendwas. Es hat ihn etwas amüsiert. Er machte seine Ehrfrau darauf aufmerksam und zeigte mit dem Finger auf etwas und animierte sie zum Studieren. Sie las ziemlich lange, regungslos im Gesicht, der Kopf wiegte von links nach rechts und von rechts nach links. Sie schien sein entflammtes Interesse nicht zu teilen.

Schneidig kam der Nächste reingeschneit. Turnschuhe, schwarze Jeans, die Gesäßtaschen ausgebeult durch alle möglichen Krimskrams, keine Jacke, gerader Rücken, Brust raus, Gang wie ein Geher in seiner Disziplin bei den Olympischen Spielen. Dieses Jahr sind die Spiele in London, in vierzehn Tagen bin über das Wochenende dort. Hingesetzt, das eine Bein über das Andere gelegt, zur Tür geguckt und gewartet. Wurde auch bald aufgerufen. Mit seinem schneidigen Gang durch die Tür und mit einer abrupten Rechtswendung in Richtung Arztzimmer abgebogen.

Eine etwas unschlüssige Mittvierzigerin, wie mir schien, peilte auf dem Flur zuerst die Lage im Wartezimmer, betrat alsdann den Wartesaal, grüßte leise aber hörbar und besetzte den ersten Stuhl nach der Tür. Schwarze Haare, faltenfreies, leicht gebräuntes Gesicht, schick angezogen beschäftigte sie sich zuerst mit ihrer mitgebrachten Illustrierten. Erst nach einer Weile musterte sie die Runde im Zimmer. Nach und nach füllte sich das Wartezimmer mit den Patienten. Ein Anfangsechziger betrat noch den Warteraum. Anzugjacke über Jeans. Erst mitten im Zimmer blieb er abrupt stehen, sagte laut „Guten Abend“, schwang den linken Teil seines Körpers im Stehen in Richtung Zeitschriftentisch in der Mitte des Zimmers, die Knie hat er jedenfalls nicht gebeugt, fischte ein Heft vom Tisch hoch, so eine Bewegung habe ich nie gesehen und suchte sich einen freien Sitz.

Gleich darauf wurde mein Junior aufgerufen. Er war nur kurz im Sprechzimmer. Nachkontrolle.
Endlich war ich für heute erlöst.

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From → Leben

6 Kommentare
  1. Es macht doch eigentlich viel Spaß, die Menschen im Wartezimmer zu beobachten, davon kann man auch gut Fotos machen 😉

    Wünsche dir ein schönes Wochenende und liebe Grüße

    Mathilda 😉

    • Ja, Spaß macht das, wenn die Warterei nicht wäre. Fotos wird schwierig, Gehirnfotos merkt niemand.
      Wünsche dir auch ein schönes, langes Wochenende und ebenso liebe Grüße.
      C.H.

  2. Ich beobachte auch gerne Menschen auch vor allen beim Arzt wünsche dir ein schönes Wochenende Grüsse Herlich Gislinde.

    • Es gibt im Wartezimmer eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Lesen oder schauen. Die Dritte, über die Krankheit erzählen, ist nicht mein Ding. Das kann ich nicht hören.
      Dir auch ein schönes Wochenende und herzliche Grüße.
      C.H.

  3. Gut beobachtet und erzählt!

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

    Bärbel

    • Danke. Mein Junior hatte sein ebook dabei. So konnte ich nur beobachten.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.
      C.H.

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