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Lesestapel

1. Juni 2014

Sommer1914

2014 by C. Bertelsmann Verlag, München
ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
463 Seiten

ISBN 978-3-570-10122-3

 

Anhand von Quellen und Tagebuchaufzeichnungen von fünf sehr unterschiedlichen Zeitzeugen zeichnet der Historiker Tillmann Bendikowski ein Bild davon, wie die Menschen die Zeit zwischen Juni und Oktober 1914 erlebten.

Es kommen fünf Zeitzeugen zu Wort, die unterschiedlicher nicht sein können.

Allen voran der oberste Staatsführer, Kaiser Wilhelm II., geboren 1859, wird er 1888 deutscher Kaiser und König von Preußen. Aufgrund seiner langen Regentschaft wird diese Zeit auch ‚Wilhelminische Epoche‘ genannt. Wilhelm Vorliebe für das Militärische ist allgemein bekannt.

Alexander Cartellieri, geboren 1867, arbeitet als Professor an der Universität Jena. Als Historiker ist er ein ausgewiesener Kenner der französischen Geschichte.

Wilhelm Eildermann, geboren 1897, stammt aus einem Bremer Arbeiterhaushalt, ist bei Kriegsbeginn Volontär bei der Bremer Bürger-Zeitung, die als Parteiblatt der SPD den linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie vertritt.

Gertrud Schädla, geboren 1887, ist Lehrerin an der Nicolai-Schule in Verden an der Aller, unweit von Bremen. In ihrer Freizeit nutzt die junge Lehrerin die kulturellen Angebote der Stadt und der Region.

Ernst Stadler, geboren 1883, stammt aus dem Elsass, hat in Straßburg studiert, arbeitet 1914 als Dozent für Philosophie an der Universität Brüssel. Eigentlich ist er Lyriker. Er legt 1914 den durchaus beachteten Gedichtband mit dem Titel ‚Der Aufbruch‘ vor, der ihn – so jedenfalls urteilt die Nachwelt – zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Expressionismus macht.

Wie war das vor einhundert Jahren?

Es gab vor allen in den Städten eine Begeisterung der ersten Tage, am stärksten ausgeprägt in den bürgerlichen, akademischen Kreisen, die sich überschwänglich der Sache verpflichtet fühlten. Ernsthafter Widerstand? Fehlanzeige. Spätestens nach der Kriegserklärung des Kaisers waren alle auf Kurs. Einzig Wilhelm Eildermann hat den Krieg als das falsche Mittel bezeichnet.

Wilhelm II. schwankte mehrmals im Laufe der Woche zwischen Siegestaumel und Niedergeschlagenheit hin und her, je nachdem, wie die gerade aktuelle Schlacht endete. Sein direktes Umfeld war schon in den ersten drei Monaten des vier Jahre dauernden Krieges von der kaiserlichen Unfähigkeit ein Feldherr zu sein überzeugt und von der Möglichkeit den Krieg zu gewinnen, nicht überzeugt gewesen.

Alexander Cartellieri hat von seinem warmen Professorenstuhl aus die Studenten mit den besten Kriegswünschen in die Schlachten verabschiedet und sich Gedanken um Notvorlesungen gemacht. Abends sitzt er wie ein Feldherr über seinem Tagebuch und überlegt sich, welche Annexion das Deutsche Reich am besten machen sollte. Die zahlreichen persönlichen Verbindungen nach Frankreich zählen in diesem Moment nicht.

Gertrud Schädla bangte um zwei ihrer Brüder in Kriegsdienst, jeden Tag auf Briefe aus dem Feld wartend, hat sie doch nie wirklich den Krieg als unnötig empfunden. Das nationale und obrigkeitsgläubige Verhalten war viel zu tief in ihr verwurzelt. Kein Aufschrei des Protests widerfährt ihr, wenn junge Männer aus der Nachbarschaft völlig sinnlos verheizt werden. Und das schon im ersten Vierteljahr des Krieges.

Nicht einmal Ernst Stadler wehrte sich, obwohl Elsässer und schon für den Oktober 1914 mit einer Professorenstelle in Toronto, Kanada, ausgestattet, wartete er klaglos auf seinen Stellungsbefehl und hat sich so seinem Schicksal ergeben.

Die Gefühle der Deutschen waren patriotisch, enthusiastisch und ausgelassen, aber auch laut, gewalttätig, still, ernst, traurig, ängstlich oder sogar panisch. Manche begingen Selbstmord, meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst, weinten beim Abschied der Soldaten am Bahnhof, machten sich Sorgen um die Ernte auf den Feldern und nicht zuletzt hassten sie die Belgier, Franzosen und Engländer.

So war der Sommer 1914.

5Sterne-Text

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From → Buch

5 Kommentare
  1. Das ist schon so lage her aber immer noch Geschichte.Wünsche dir einen schönen Sonntag lieber Gruß Gislinde

  2. Ein interessantes Stück unserer Geschichte. Ein Stück, das gerne ausgeklammert wird. In der Schule hatte ich den Eindruck, dass der 1. und 2. Weltkrieg und die Zeit davor und danach gerne ausgespart wurde. Dabei ist es ein wichtiger Teil unserer Geschichte. Die Stimme eines Einzelnen aufgegriffen ermöglicht Einblicke, die sonst nicht möglich sind/waren.
    Liebe Grüße, Emily

    • Nur gut, dass es Menschen gab und gibt, die ein Tagebuch führen. So gehen für die Nachwelt oder für die eigene Betrachtungsweise keine Eindrücke verloren. Mit der persönlichen Sicht eines Zeitzeugen wird Geschichte viel lebendiger und greifbarer.
      Liebe Grüße, Charles

      • … und meist auch realistischer!

        Liebe Grüße und hab ein schönes Wochenende, Emily

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