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Deutscher Buchpreis – Shortlist 2016

20. September 2016

Die Jury des Deutschen Buchpreises hat sechs Titel aus der Longlist ausgewählt, die nun in das Rennen um den Deutschen Buchpreis 2016 gehen.

 

 

092016_1149_DeutscherBu1.jpgRezension von Edith Schlocker, tt

Der jüngere der beiden Brüder, Jakob, ist zu Beginn des 300-Seiten-Plots gerade 15, Alexander etwa doppelt so alt. Als Berufssoldat im Auslandseinsatz ist er wegen eines Reitunfalls auf Heimaturlaub im Oberösterreichischen, den er meist schweigend trinkend im Dorfgasthaus verbringt.
Denn er ist generell kein großer Redner, was ihn mit seinem „kleinen“ Bruder verbindet. Der nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Soll er sich nach einer Lehrstelle umschauen oder doch am elterlichen bzw. großelterlichen Hof bleiben, den er ohnehin fast allein führt. Ist der Vater doch meist in dubiosen Geschäften unterwegs, immer glaubend an den ganz großen Coup. Mit der Konsequenz, das Acker für Acker, Kuh um Kuh verkauft werden müssen, bis nichts mehr übrig bleibt.
Und aus welchen Quellen das dubiose Vermögen des Großvaters herstammt, bleibt bis zuletzt ein Geheimnis, genauso wer es einmal erben wird, was eine ungesunde Dynamik entwickeln sollte. Es gibt aber auch noch eine Schwester, die in ganz jungen Jahren einen Amerikaner geheiratet hat, mit dem sie in Schweden lebt, bevor sie samt Kind scheinbar vor dem gewalttätigen Mann in die alte Heimat flüchtet. Als gebrochene, vom Leben schwer enttäuschte Frau.
Freunde haben sowohl Alexander als auch Jakob nur wenige. Der Ältere, der eigentlich Priester werden wollte, um dann einige Semester Medizin zu studieren, bevor er vor dem wirklichen Leben in die Armee geflüchtet ist, ist zutiefst einsam. Was sich auch nicht nach seiner Versetzung in das Ministerium in Wien ändern sollte. Bis er sich in die Frau des Vorgesetzten verliebt und mit ihr ein leidenschaftliches Verhältnis beginnt, das diese aus ihm nicht nachvollziehbaren Gründen beendet.
In der Liebe hat auch Jakob kein Glück. Schwer belastet vom Selbstmord des einzigen Freundes, fühlt er sich auch der jungen Frau fremd, die dem 18-Jährigen ein Kind unterschiebt, weshalb er sie heiratet, um sich bald wieder von ihr zu trennen.
Die Jahre vergehen bleiern, bis Jakob in einer sonderbaren Sekte so etwas wie Heimat findet. Mit deren ehemals alles andere als heiligen „Hohepriesterin“ auch den Bruder so manches verbindet. Aber auch um einen in der Gegend passierten unaufgeklärten Mord geht es immer wieder. Was das Personal des Buches damit zu tun hat oder auch nicht, bleibt allerdings bis zum Schluss rätselhaft.
Wie vieles in dieser von Reinhard Kaiser-Mühlecker mit viel Gespür für subtile Stimmungen erzählten Geschichte einer scheinbar ganz normalen Familie. In der jeder allein ist und trotzdem ständig unter Beobachtung der anderen steht, was Vorverurteilungen schürt, Gerüchte blühen lässt.
Wie der oberösterreichische Autor das schildert, hat viel mit Atmosphärischem zu tun, der Schilderung von Träumen und Albträumen, von Hoffnungen und Obsessionen, Farben und Düften. Und dies ohne jeden Pathos, ohne jede große Geste. Was Peter Handke veranlasst, den 34-Jährigen „zwischen Stifter und Hamsun“ zu verorten.
Letztlich geht es in „Fremde Seele, dunkler Wald“ um die Unentrinnbarkeit vor sich selbst, der Landschaft, der Familie, der Gesellschaft mit ihren Zwängen, in die man unfreiwillig geworfen ist. So sehr man sich auch bemühen mag zu fliehen. Etwa in die Armee, in der schließlich auch Jakob landet. Zu welcher Heeresabteilung Alexander seinem Bruder raten soll, ist schwierig. Ist er doch „ein so zarter Junge“.

Roman Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald. S. Fischer. 301 Seiten, 20,60 Euro.

 

 

widerfahnis

Rezension von ANDREAS PLATTHAUS, faz

Dieses Buch ist die Essenz des literarischen Schaffens von Bodo Kirchhoff. Und dabei ist es „nur“ eine Novelle. So abschätzig wird heute oft von dieser Form gesprochen, nachdem die von den Verlagen postulierte Gier des Lesepublikums nach Romanen sie fast ausgerottet hätte. Und mit dem Deutschen Buchpreis, der Jahr für Jahr ausschließlich unter den deutschen Romanen verliehen werden soll, vermuteten wir gar den sicheren Todesstoß. Aber von Zeit zu Zeit setzt sich eine Jury über die Formfrage hinweg und mogelt eine Novelle in ihre Auswahlliste hinein. In diesem Jahr ist das wieder einmal geschehen: mit Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“.

Allerdings hat sich dieses Buch nicht in die Longlist eingeschlichen – es kommt im Triumphzug daher. Präziser wird in diesem Herbst in Deutschland nicht erzählt, und wenn Kirchhoff sich entschieden hätte, seine immerhin 210 Seiten zählende Prosa als Roman zu bezeichnen, hätte das nicht verwundert. Doch die Konzentration, die er sich selbst abverlangt hat, legt die scheinbar kleine Form nahe, die hier – die Wortfeldverschiebung sei gestattet – zu ganz großer Form aufläuft.

Die beiden Themen, die sich Kirchhoff für „Widerfahrnis“ ausgesucht hat, sind ohnehin schon groß genug: die Liebe und die gegenwärtige Flüchtlingskrise. Das Erste ist das größte literarische Thema überhaupt, zeitlos seit dem Gilgamesch-Epos als der ersten Literatur überhaupt. Das Zweite ist dagegen tagesaktuell, also für den Ewigkeitsanspruch von Kunst viel riskanter. Aber es wird von Kirchhoff auch nur am Rande eingeführt – buchstäblich, denn einmal huschen bei einer nächtlichen Fahrt über die Alpen jenseits des Brennerpasses am Autobahnrand campierende Flüchtlinge in die Wahrnehmung, und dann erlebt Julius Reither, Kirchhoffs männlicher Protagonist, ganz zum Schluss eine Katharsis, als er auf der Rückfahrt mit der Fähre von Sizilien nach Kalabrien einer afrikanischen Flüchtlingsfamilie Zuflucht in seinem Auto gewährt. Das geschieht in einem Moment, der für ihn der krisenhafteste des Ausflugs aus dem bayerischen Voralpenland ins sizilianische Catania ist, weil eigentlich auch auf der Rückfahrt Leonie Palm neben ihm hätte sitzen sollen.

Diese Dame in den besten Jahren steht eines Abends vor der Wohnungstür des ehemaligen Verlegers Reither, der sich nach der Abwicklung seines großstädtischen Klein-aber-fein-Verlags einen idyllischen Altersruhesitz gesucht hat. Mit schönen Frauen hatte er weniger Geschick als mit schöner Buchgestaltung, doch in Gegenwart der literaturbegeisterten Leonie Palm wird aus dem einsamen Ruheständler ein verliebter Spontanreisender, der eine nächtliche Spritztour über die österreichische Grenze zum Achensee zur Fahrt durch ganz Italien erweitert. In der Nacht auf Dienstag, den 21. April 2015, geht es los, am Donnerstag ist man schon wieder auf der Rückfahrt. Diese Novelle misst einen großen Raum aus, aber eine sehr begrenzte Zeit.

Die Bewegung in der ganzen Vieldeutigkeit dieses Begriffs ist ihr zentrales Motiv, bis hin zur letzten Seite, auf der eine winzige Bemerkung von Leonie Palm alles vorher Gelesene noch einmal in neues Licht rückt. Überhaupt: Licht – „Widerfahrnis“ ist ein Fest der Licht- und Dunkelphänomene, Lektion in Beschreibungskunst von kalten Nächten und warmen Abenden und entsprechenden Gefühlen. Der traditionsreichste geographische Gegensatz unserer Literatur – Italien und Deutschland – wird zur Skalierung der schwankenden Temperamentstemperaturen beider Protagonisten nutzbar gemacht. So klassisch hat Bodo Kirchhoff nie erzählt.

Subtiler auch nicht, denn der ehemalige Verleger, von dem Kirchhoff in der dritten Person berichtet (aber mit dem Wissen eines Reither gegenüber auktorialen Erzählers, während der erzählerische Blick auf Leonie Palm ganz äußerlich bleibt), legt sich selbst immer wieder Rechenschaft über die Angemessenheit der Schilderung des Geschehens ab – und über die Frage, ob das Erleben den eigenen literarischen Ansprüchen standgehalten hätte. „Auf dem Platz schon reges Leben, Frauen mit Tüten und Körben, Männer unterwegs mit Ersatzteilen, einem Auspuff, einer Felge, mit Karren voll Waren, Töpfe, Matratzen, Obst – schön fürs Auge, nichts fürs Buch“, heißt es etwa über Catania, und es ist wunderbar, wie Reithers permanentes Ringen mit sich selbst in solchen Überlegungen vom Autor parallel geführt wird mit der Schwierigkeit, eine „unerhörte Begebenheit“ (so Goethes inhaltliches Kriterium für die Novelle) zu erzählen und gleichzeitig dadurch das Unerhörte nicht sofort zu Verschwinden zu bringen.

Bodo Kirchhoff ist es geglückt – bis hin zur rätselhaft anmutenden Titelwahl seiner Novelle, die erst aus einem Gespräch zwischen seinen beiden Reisenden erklärt wird – „ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen“, wie Reither sich sagt. Kirchhoffs Buch darf in der Tat Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen, weit über Aktualitäten wie Buchpreislisten und Flüchtlingsfragen hinaus.

Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“. Eine Novelle.

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016. 224 S., geb., 21,- [Euro].

 

 

 

skizze_eines_sommersRezension von  frl-julia

Könnt ihr euch noch an das Gefühl am Anfang der Sommerferien erinnern? Die Hormone fahren Achterbahn, der Kopf ist voller Ideen und Träumereien – und ihr mittendrin? André Kubiczek hat mit “Skizze eines Sommers” diese Zeit festgehalten. Dass wir den Sommer 1985 in der DDR schreiben, ist eigentlich irrelevant.
Das habe ich mir damals oft gewünscht: Sturmfreie Bude! Für René wird der Traum eines jeden Teenagers Wirklichkeit, als ihm sein Vater eröffnet, dass er für zwei Monate verreisen muss – nach Westdeutschland zu einer Friedenskonferenz. Kurzzeitig ist René nicht so glücklich darüber, denn erstens wird er in wenigen Tagen 16, zweitens kommt er nach den Sommerferien auf ein Internat und drittens könnte die Beziehung zu seinem Vater durchaus etwas herzlicher sein. Will er ihn wirklich zwei komplette Monate alleine lassen?
Doch an das Alleinsein gewöhnt man sich schnell, vor allem wenn man 1.000 Mark zur Verfügung hat, laut Musik hören und essen kann, was man möchte – und die drei besten Freunde Dirk, Michael und Mario ebenfalls den Sommer in Potsdam verbringen. Gemeinsam sitzen sie in Cafés herum und schreiben Gedichte von Baudelaire ab, zitieren Rilke, sprechen in Fremdwörtern und tragen schwarze Anzüge.
Aber worum geht es – natürlich – eigentlich die ganze Zeit? Genau: Um Mädchen. Da wäre die hübsche Unbekannte, hinter der René schon lange Zeit her ist, ohne ihren Namen zu wissen. Die forsche Bianca, mit der er stattdessen eine zwei Wochen dauernde Liebschaft beginnt, obwohl beide aus völlig unterschiedlichen Verhältnissen stammen. Und Rebecca, das geheimnisvolle Mädchen aus dem Anwesen am See, welches ihn wie einen kleinen Bruder betrachtet. Die Hormone fahren Achterbahn, das Herz klopft und die Jungs wollen nur eins: Knutschen!

André Kubiczek hat sich ein Thema herausgesucht, welches wohl den meisten von uns bekannt vorkommt – und deshalb während der Lektüre ein paar wohlig-warme Erinnerungen an die eigene Teenie-Zeit heraufbeschwört. Dass René und seine Freunde in der DDR aufwachsen – die sich 1985 schon eher auf dem absteigenden Ast befindet – spielt dabei eine eher kleinere Rolle und wird nur am Rande erwähnt: Wenn sich die Jungs um die Originalausgabe eines Buches von Baudelaire streiten, weil Texte dieser Art faktisch so gut wie nie verfügbar sind; wenn René von der Kaderschmiede erzählt, auf die es ihn nach den Ferien verschlagen wird und wenn er sich an die sozialistischen Parolen erinnert, die man ihm jahrelang in der Schule eingetrichtert hat.
Skizze eines Sommers greift dieses “uns gehört die Welt”-Gefühl auf, welches junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren meistens beflügelt und welches besonders in der Umbruchzeit zwischen noch bestehender DDR und wiedervereinigtem Deutschland zu spüren gewesen sein muss. Ein charmanter Roman, teilweise etwas lethargisch und zäh – eben genau wie die langen Sommerferien!

André Kubiczek
Skizze eines Sommers
Rowohlt Berlin, 2016
Hardcover, 384 Seiten, 19,95€
ISBN: 978-3-87134-811-2

 

 

 

dieweltimrueckenRezension von Ruth Justen, http://www.ruthjusten.de

Ich bekenne es gleich: „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle ist das erste Buch, dessen Lektüre ich auf meinem seit fünf Jahren bestehenden Blog empfehle, ohne es selber zu Ende gelesen zu haben.
Wie inzwischen jeder Leser in der Republik aufgrund der Medienberichterstattung um die Nominierung des Werkes für den Deutschen Buchpreis 2016 weiß, handelt das Buch von der Erkrankung des Autors. Bipolar I heißt die Diagnose. Manisch-depressiv ist die Bezeichnung, die Thomas Melle bevorzugt, weil diese Begriffe dem Laien sehr viel verständlicher machen, worunter der Erkrankte leidet.
Manisch-depressiv heißt, dass der Patient zunächst manische Phasen hat, die von Wahnvorstellungen und Ausrastern geprägt sind. Die Außenwelt nimmt den Erkrankten als irre war. Die Psychiatrie scheint der einzig halbwegs sichere Ort für den Patienten zu sein.
Auf die manischen Phasen folgt der Totalabsturz in Gestalt einer Depression. Der Erkrankte erkennt rückwirkend seine Wahnvorstellungen, sein „wahnsinniges“ Verhalten und ist voller Scham über seine Außenwirkung. Habe ich mein ganzes Leben ruiniert? Diese Frage beantwortet der Patient in diesen Phasen mit ja. Er fällt in eine bodenlose Tiefe, Selbstmordversuche inklusive.
Hinzu kommt das Wissen, dass es für die Krankheit keine Heilung gibt. Es gibt allenfalls besser oder schlechter wirkende Medikamente. Es gilt, die unterschiedlich langen Phasen mit Hilfe der Familie, Freunden, Ärzten und Medikamenten zu überleben und danach eine Weile „normal“ – also ohne akuten Leidensdruck – weiterzumachen. Immer mit dem Wissen im Hinterkopf: Die nächste Phase kommt bestimmt. Wann sie kommt und wie lange sie das nächste Mal dauert, ist ungewiss.
Das alles klingt unerträglich? Das klingt nicht nur so, es ist sicher kaum zu ertragen. Der Schriftsteller Thomas Melle hat aus seiner Not als Patient eine Tugend gemacht, indem er sich den Werdegang seiner Erkrankung bis zur Drucklegung des Buches von der Seele geschrieben hat.
Herausgekommen ist ein unbedingt lesenswertes Werk, welches ich persönlich dennoch nicht bis zum letzten Meter durchgehalten habe. Das liegt aber an mir, an meinem Zurückweichen vor diesen Abgründen, die Thomas Melle sehr präzise und schonungslos beschreibt. Ich wünsche dem Buch viele Leser, die sich bis zur Schlussseite mit dem Thema und den betroffenen Menschen auseinandersetzen. Für Thomas Melle hoffe ich, dass er die Aufmerksamkeit rund um das Buch gut übersteht.
„Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle steht auf der Longlist der Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2016.

Rowohlt Verlag ISBN 978364410002

 

 

 

einlangesjahrRezension von Katrin Hillgruber, fr

Die österreichische Erzählerin Eva Schmidt meldet sich mit dem Roman „Ein langes Jahr“ zurück und feiert die helllichte Melancholie am Bodensee.
Hilfe kommt aus Bregenz“ ist ein ebenso charmanter wie verworrener Fall betitelt, den Martin Walser einst seinen Bodensee-Detektiv Tassilo S. Grübel bewältigen ließ. Wie verhaltene Hilferufe lesen sich auch manche der 38 Episoden in Eva Schmidts Roman „Ein langes Jahr“, mit dem sich die Bregenzerin als Schriftstellerin zurückmeldet; zuletzt hatte sie 1997 bei Residenz den Roman „Zwischen der Zeit“ veröffentlicht.
Der Handlungsort Bregenz wird im aktuellen Buch zwar nie explizit genannt, aber die geographische Positionierung ist eindeutig: „Fährt man von Norden her, aus Deutschland kommend, auf die Stadt zu, sieht man die östliche Bucht des lang gezogenen Sees. Wenn man Glück hat, ist das Wetter dunstig, die Farben des Wassers, der Stadtsilhouette, auf die man zufährt, und des Himmels darüber hell und zart. Golden schimmern manche Dächer, blitzen in den Sonnenstrahlen, die schwach durch den Dunst dringen, hier und dort auf.“
Die idyllische Stimmung trügt, denn in dieser Prosa herrscht selbst im Sonnenschein helllichte Melancholie. Der Bodensee spielt immer wieder in den Text hinein, bietet ihm eine Gesamtperspektive und Verortung. Der Balkon mit Seeblick ist für Eva Schmidts zumeist einsame Protagonisten vom Kind bis zum Pensionisten oft der einzige Lichtblick inmitten von Alltagsnöten und Mühsalen, denen sie in ihren Siedlungen wie dem sogenannten Steckdosenhaus ausgesetzt sind.
Das Mehrparteienhaus verdankt den Namen seiner Eigentümerin, einer Stromgesellschaft. Beobachtet wird es wiederum von einer alleinstehenden Hundebesitzerin im Haus gegenüber, die durchaus freundliche Reflexionen über die Nachbarschaft anstellt: über die alte Frau Adler, die eines Tages einfach verschwand oder über Maria mit der lauten Stimme, die ihre Wäsche so akkurat aufhängt.
Unter Beobachtung
Eines Tages aber bemerkt die Ich-Erzählerin, eine Fotoreporterin im Ruhestand, dass sie selbst vom Steckdosenhaus aus observiert wird: „Ich fühlte mich wie eine Gefangene. In der Wohnung gegenüber brannte abends nun immer Licht. Die Frau mit den langen Haaren rauchte ungefähr im Dreiviertelstundentakt. Immer stand sie dabei mit dem Rücken zur Balkontür, den Blick geradeaus, direkt auf mein Haus gerichtet.“
Es sind solche stummen Konfrontationen, welche die Perspektive plötzlich umkehren und eine eigenartige Binnenspannung erzeugen. Zunächst nähert sich die Verfasserin ihren Protagonisten wie dem reichen Müßiggänger Tom, dem Dealer Marcel Ritter oder der trinkfreudigen Cora und ihrem zehnjährigen Sohn Benjamin von außen in scheinbar statischen Miniaturen. Doch nach und nach treten die Personen in Beziehung zueinander, wie in Robert Altmans Film „Short Cuts“ ergibt eine kleine Geschichte die andere.
Dadurch dass sowohl aus der „allwissenden“ wie aus wechselnden Ich-Perspektiven erzählt wird, verleiht Eva Schmidt ihrem Episodenroman den Charakter eines Puzzles. So bahnen sich diverse Liebesgeschichten an, die in Gewalt, im Unfalltod einer türkischen Schülerin oder darin enden, dass sich Cora und der wohlsituierte Richard, deren Söhne sich angefreundet hatten, auf Dauer einfach nichts zu sagen haben.
Am unteren Ende der sozialen Skala steht der obdachlose Wolfgang, um den sich die Fotografin eine Zeit lang kümmerte, was er jedoch ablehnte. Nun hat er nur noch mit den Sanitätern zu tun: „Sie lassen sich Zeit, wenn sie ihn holen. Wickeln ihn sorgfältig in die Folie, über deren goldglänzender Oberfläche das blaue Blinklicht des Rettungsautos kreist.“ Das Glitzern der Goldfolie beschreibt die Autorin ebenso distanziert wie das Funkeln des Sees im Sonnenlicht. Die Leserin, den Leser macht das hilflos. Man fühlt sich an die stillen Sensationen in den Werken Peter Bichsels erinnert, die ja – angefangen mit Frau Blum – ebenfalls von Einsamen bevölkert werden.

Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2016. 212 Seiten, 20 Euro.

 

 

 

hoolRezension von David Hugendick, zeitonline

Aufs Maul
Hauen und Verhauenwerden: Philipp Winklers Romandebüt „Hool“ erzählt die zeitgemäße Geschichte vom wütenden jungen Mann. Das geht auf interessante Weise schief.

Wann immer die deutsche Literaturkritik etwas als „authentisch“ lobt, meint sie in der Regel Geschichten, in denen nicht erzählt wird, dass Paare etwa im Frankfurter Westend vornehm leidend eine Wohnung suchen. Sondern dann heißt es: echtes Leiden, echter Abgrund, naja, echtes Leben halt von Menschen mit echten Problemen und echter, ungekünstelter Sprache. Das alles wird meist an Orten vermutet, die von allen bürgerlichen Selbstlügen und heiter amourösen Verwicklungen unberührt sind. Wo die Figuren noch wirklich etwas mehr erleben, als im Geiste Gartenstühle zu arrangieren.
Nun ist Philipp Winklers Debüt Hool erschienen. Ein harter, zupackender Roman, der es vor Veröffentlichung aus dem Stand auf die Longlist des Deutschen Buchpreisesgeschafft hat und mit allerhand Vorschusslob von Winklers Schriftstellerkollegen bedacht wurde.
Die ebenfalls vorab begeisterte Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fand: „Ein Buch wie ein Schlag.“ Schließlich geht es ja ums Prügeln und Verprügelt werden. Um den Moment, „in dem im Bauch etwas zu schweben beginnt“, wie Heiko Kolbe, der Ich-Erzähler, es gleich zu Beginn sagt, bevor er in die erste Schlacht zieht. Heiko gehört zu einer Gruppe Hooligans des Fußballvereins Hannover 96. Ein Exemplar der hiesigen Bordsteinbourgeoisie, die ihre Tage im Fitnessstudio verbringt oder in einer rustikalen Kneipe namens „Timpen“ in der Fußgängerzonentrostlosigkeit der Stadt. Wo man neben den Säufern am Tresen sitzt und große Sätze über im Grunde nichtige Dinge sagt.
Heiko allerdings bedeuten sie alles: der nächste Kampf, das nächste Spiel, die Rivalen aus Braunschweig und wie man es denen richtig zeigen kann. Ein ungerichteter Zorn tobt in Heiko, den er kaum verbergen oder kontrollieren kann. Heiko erscheint als die zeitgemäße Version des wütenden, jungen Mannes, dessen Leben irgendwie aus der Kurve getragen wurde. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter hat sich aus dem Staub gemacht, der Vater ist ein hoffnungsloser Trinker. Heikos Schwester hat sich in ein Vorstadtleben mit Gartenzaun geflüchtet. Und mit der heroinsüchtigen Ex-Freundin ist auch Schluss. Hier heißt man nicht wie im Berlin-Roman Luna, Jonte, Jonas oder Emilia und hat es sich nicht im Weltekel gemütlich gemacht, sondern man heißt Ulf, Kai, Axel, Jojo, und das Leben ist Kampf. Wer man ist, hängt davon, ob man zu Boden geht oder der letzte ist, der noch steht.
Die Hooliganfreunde fungieren als Heikos Ersatzfamilie, mit der er trinkt, andere verprügelt oder die Tage versummst. Die Hells Angels kommen vorbei, es gibt Anabolika, Nazis und Außenseiterstolz. Man nennt Leute „Homos“, „Pimmelköppe“ oder „Flachwichser“, man trinkt Bier, das „Elefantenpisse“ heißt, und Träume sind nur dazu da, um verraten und verkauft zu werden.
Heiko erzählt von den Fahrten auf niedersächsischen Landstraßen, den öden Wohngegenden und Fußballplätzen meist in einem trotzig drastischen Ton, der sich vom Leben nicht mehr zu erhoffen scheint, als Hannover in der Hooliganszene bekannt zu machen, es endlich „auf die Karte zu setzen“. Heikos Sprache ist, wenn es im Roman zur Sache geht, körperlich oft geradezu bedrängend. Ihre lakonische Härte: Wald, Parkplätze, Tritte und Fäuste, Adrenalin, aufplatzende Wunden, gebrochene Kiefer und Blut. In einer völlig illusionslosen, entzauberten Welt ist der Schmerz das letzte, was noch heilig ist.
Philipp Winkler ist Jahrgang 1986. Er hat in gewisser Hinsicht einen negativen Bildungsroman geschrieben, von einem Verblendungszusammenhang, den man kaum noch für blinde Rebellion halten kann: Heiko will bleiben, wer er ist. Trotz aller Rückschläge, trotz seiner Umwelt, die ihm zeigt, dass der Weg in die Gewalt böse enden könnte. Er will bloß aufsteigen in der Hooliganhierarchie. Egal, auf welche Kosten.
Man muss das alles loben, da es so schade ist, wie der Roman auf der Länge doch schiefgeht.
Denn so genau die Milieuechtheit des Ich-Erzählers auf den ersten Blick auch wirkt: Oft lässt Winkler Heiko Sätze sagen, in denen er so etwas wie Schönheit erzwingen möchte, die nicht so recht hineinpasst. Auf Stellen wie „Im Zapfhahn schütten wir uns noch schnell ein Bier vom Fass in die Hälse“ kommen aufgespreizte Beschreibungen: „Der weichgezeichnete Umriss der Stadt baut sich im bläulichen Morgenlicht vor uns auf. Vor den bröckelnden, wie ausgebombt aussehenden Fassaden ausrangierter Fabriken liegt ein feiner Schleier.“ Da stehen Volvos im „fahlen, indirekten Lichtschein“ an „langen baumüberspannten Feldwegen“, wo sich Birken und Weiden über die Einfahrten „beugen“.
Das ist alles ganz hübsch. Aber: Wer spricht hier? Heiko, der meistens Worte wie „affenfotzenverhurte Pissscheiße“ für das findet, was um ihn herum vorgeht? Oder nicht doch der Autor dahinter, den der Kunstwille ergriffen hat? Jedenfalls wirken im Bericht des Ich-Erzählers die Anfälle von Literaturhauspoesie angesichts von Einfahrten und Feldwegen deplatzierter, je krasser sonst der Tresenton zelebriert und als Echtheitsnachweis des Erzählten ausgegeben wird.
Nun könnte man sicherlich mit Fantasie erklären, warum Heikos Stilbrüche plausibel seien. Dass sie sprachlich die Zerrissenheit des Erzählers spiegelten, der sich selbst heimlich nach einem volvostabilen Leben sehnt, aber seine Identität nicht ablegen kann und will. Dass die Sprache sich nach oben streckt, aber wieder und wieder im Rinnstein lande. Könnte man alles sagen. Aber solche, zwingend durch die Erzählung motivierte, Anhaltspunkte lassen sich im Roman nicht finden. So ist es unerklärlich, warum Winkler dem Ton nicht konsequent traut, den er Heiko gegeben hat. Aus dem er brachiale, jedoch so stimmige poetische Bilder erzeugt wie „Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte“. Und es ist ebenso rätselhaft, warum Heiko anderswo reden muss wie die Stiftung Warentest: „Keine dieser Cocktail-Bars kann Drinks zu günstigen Preisen anbieten, ohne qualitativ schlechte Zutaten zu verwenden.“
Kurzum: In Hool missglückt die Rollenprosa an vielen Stellen. Gemessen an der vermeintlichen Echtheit, die die Geschichte ausstrahlen will, ist das eigentlich das Schlimmste, was passieren kann. Dann wird all das, was an der direkten Sprache eben noch beeindruckend war, zu einer Sammlung dreckig-leuchtender Intarsien. Ganz gleich, welche Faszination und Wucht vom Romanstoff an sich schon ausgehen.
Und es ist umso bedauerlicher, da Winkler so manches andere eben gelingt. Weil er durchaus ein Gespür besitzt für originelle, kleine Einfälle und Figuren, die man schwer wieder vergisst. Wie Arnim, so etwas wie Heikos verwahrloster Vermieter, der Hundekämpfe in seinem Garten veranstaltet, unbeholfen Kontakte zur russischen Unterwelt pflegt und sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Tiger, was zu einigen Verwicklungen führt. In seinem Haus hält er sich bereits einen Geier namens Siegfried, der meist auf dem Sessel sitzt und keine Lust hat wegzufliegen. Und allein die Szenen zwischen Heiko und dem Vogel sind so verblüffend anrührend, dass sie eigentlich bereits ein Grund wären, dieses Buch zu lesen. Wäre da nicht der Konflikt zwischen dem Echten und dem Künstlichen, auf den dieser Roman unfreiwillig hinweist. Der lässt sich leider kaum auflösen. Auch mit einer anständigen Schlägerei nicht.

Philipp Winkler: „Hool“. Roman. Aufbau-Verlag, 311 Seiten, 19,95 Euro. Erschienen am 19. September 2016

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